Bericht zum Fachgespräch „New Food Economy – Neuer Wind für die Lebensmittelbranche“

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Dies ist ein Bericht zum Fachgespräch am 27. Januar 2016 im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Am 27. Januar 2016 luden Bola Olalowo und Dr. Turgut Altug gemeinsam zu einem Gespräch zur „New Food Economy“ ein. Dieser Wirtschaftssektor ist aus dem Bewusstsein heraus entstanden, dass das Lebensmittelsystem mit seinen unzähligen Skandalen – wie Lebensmittelverschwendung, falsche Kennzeichnung, Landraub, Monokulturen, Gammelfleisch – in seiner jetzigen Form nicht haltbar ist. Auch in Berlin machen sich deshalb immer mehr Menschen auf den Weg, den Lebensmittelsektor in allen Produktions- und Verwertungsschritten nachhaltiger, regionaler, ökologischer, gesünder und gerechter zu machen. Für die Veranstaltung konnten wir vier von ihnen gewinnen: Florian Niedermeier von der Markthalle Neun, Vivian Böllersen von den Ökonauten eG, Lars Jäger von Slow Food Berlin und Maria-Luisa Werne vom Netzwerk Solidarische Landwirtschaft. Gemeinsam mit ihnen und vielen Gästen diskutierten wir die Potenziale und Chancen der New Food Economy für Berlin.

Mit dem Statement von Florian Niedermeier wurde deutlich, das etwa der Erfolg der Markthalle Neun in Kreuzberg zeigt, dass ein großes Bewusstsein für das Thema vorhanden ist. Hier werden lokale, handwerkliche und kleine Lebensmittelproduzenten auch aus Berlin gestärkt. Seit der Gründung 2011 gab es so bereits 16 Unternehmensgründungen. In der Markthalle Neun werden die Lebensmittel teilweise vor Ort produziert. So entsteht ein enger Kontakt zwischen den Betrieben und den Verbraucher*innen. Damit wird auch die Wertschöpfungskette in Berlin und die „berühmte Kreuzberger Mischung“ von Gewerbe und Wohnen gestärkt. Spezialmärkte zu verschiedenen Themen erregen viel Aufmerksamkeit. In Berlin gibt es 14 städtische Markthallen. Davon werden lediglich drei noch als solche genutzt. Die Markthalle Neun ist eine davon.

Gerade bei den Spezialmärkten arbeitet die Markthalle Neun eng mit Slow Food Berlin zusammen. Slow Food steht für bewussten Konsum. Lars Jäger zeigt wie die Non-Profit-Organisation dafür sensibilisiert, wo unsere Lebensmittel herkommen und wie sie erzeugt werden. Lokalen und alternativen Lebensmittelbetrieben in Erzeugung und Vertrieb wird durch Slow Food in Berlin eine Plattform gegeben. Die Berliner Regionalgruppe ist mit 1400 Mitgliedern eine der größten der deutschen Slow-Food-Bewegung.

Mit Blick nach Brandenburg zeigte Vivian Böllersen, dass Landgrabbing auch hierzulande ein großes Problem ist. Ackerland wird auch in Brandenburg immer häufiger Agrar-Konzernen vergeben, es wird damit teurer und unerschwinglich für junge Menschen, die eine alternative Landwirtschaft betreiben wollen. Obwohl die Nachfrage nach regionalen Produkten gerade auf dem Berliner Markt enorm groß ist. Aus diesem Grund haben sich die Ökonauten gegründet. Sie kaufen als Genossenschaft Land auf und stellen es jungen Landwirt*innen zur Verfügung. Eine erste Fläche von vier Hektar konnte so im letzten Jahr für ein Projekt erworben werden.

Auch das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft unterstützt landwirtschaftliche Betriebe dabei, sich dem Druck des Marktes zu entziehen. Maria-Luisa Werne erläuterte das Konzept: In der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi, engl. Community Supported Aggriculture – CSA) wird die Landwirtschaft und nicht das einzelne Produkt finanziert. Mehrere Privat-Haushalte tragen die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Die Gemeinschaft verständigt sich aber nicht nur über das Budget, sondern auch darüber was angebaut wird und hilft je nach Interesse und Möglichkeit auch im Betrieb mit. Auch für eine SoLaWi ist natürlich die Voraussetzung, dass Land zur Verfügung steht und erschwinglich ist. Deutschlandweit gibt es bereits über 100 Betriebe, davon 20 in Brandenburg.

Einig waren sich alle Podiumsteilnehmer*innen darin, dass unser Lebensmittelsystem sich schnell und radikal wandeln muss. Wie Turgut Altug sagte: „Das Lebensmittelsystem zu ändern, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Lebensmittel seien zwar in Deutschland vergleichsweise günstig, aber nur weil ihre horrenden externen Kosten nicht im Preis abgebildet würden.

Den wahren Preis für unsere Lebensmittel würden wir über kurz oder lang alle zahlen. Die Politik sei in der Pflicht Rahmenbedingungen für ein besseres Lebensmittelsystem zu schaffen, aber es komme auch auf die Konsument*innen an. Essen sei ein politischer Akt. Menschen sollten natürlich selbst darüber entscheiden was sie essen und wofür sie ihr Geld ausgeben, aber um dies tun zu können, bräuchten sie alle Informationen. Mehr Transparenz und Aufklärung sei also notwendig.

Das dies wichtig ist, zeigte sich auch in der Diskussion mit allen Anwesenden, in der darauf verwiesen wurde, dass das Vertrauen der Konsument*innen stark beschädigt sei. Es fehle an eindeutigen und glaubhaften Informationen. Auch die Bedeutung des Einkommens auf das persönliche Konsumverhalten wurde diskutiert und die soziale Komponente der Debatte mehrmals hervorgehoben. Als positives Beispiel für den Druck den Verbraucher*innen machen können, wurde das überaus erfolgreiche Volksbegehren gegen Massentierhaltung in Brandenburg genannt. Damit auch die Berliner*innen ihre Verbraucher*innenmacht nutzen könnten, muss der Landwirtschaftsstaatsvertrag mit Brandenburg geändert werden.

Denn dadurch, dass das Land Berlin seinen Einfluss auf die Landwirtschaft in Brandenburg aus der Hand gegeben hat, wird auch der Einfluss der Verbraucher*innen aus Berlin stark eingeschränkt.

In seinem Fazit der Veranstaltung verwies Bola Olalowo noch mal darauf hin, dass die New Food Economy in direktem Zusammenhang steht mit einer sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft. Um qualitativ hochwertige und nachhaltige Lebensmittel zu produzieren, müssen wir auf lokale und ressourceneffiziente Strukturen setzen. Die New Food Economy geht diesen Weg. Gezeigt hat sich auch, dass der Umbau bei jeder*m Einzelnen*m anfängt. Zur Transformation gehören deshalb auch Anreize für ein anderes Konsumverhalten und die Ermächtigung dazu, über mehr soziale Gerechtigkeit und bessere Arbeitsplätze. Auch hier kann die New Food Economy einen Beitrag leisten. Sie bietet damit große Chancen für die wirtschaftliche Entwicklung Berlins.

Die sehr engagierte Diskussion hat uns gezeigt, dass die New Food Economy auch in Berlin eine große Rolle spielt und das Thema viele Menschen beschäftigt. Die Gespräche wurden auch nach dem offiziellen Teil bei veganem Catering von l’herbivore fortgesetzt. Wir danken allen Anwesenden für den bereichernden Abend und werden uns weiter mit dem Thema beschäftigen.

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Das Essen kam von L’herbivore und war vegan, bio und regional.