Bericht zum Fachgespräch „Berlin auf dem Weg zur Sharing City?“

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Am 9. Mai fand auf Einladung von Bola Olalowo ein Fachgespräch der Grünen Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus statt, bei dem diskutiert wurde, welche Schritte unternommen werden sollten, um die Sharing und Collaborative Economy in Berlin zu stärken.
Anlass war die Veröffentlichung, der von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Forschung in Auftrag gegebenen, Potenzialanalyse „Von der geteilten zur teilenden Stadt – Berlin auf dem Weg zur Sharing City“.

Als Auftakt der Veranstaltung stellten die Autor*innen Andreas Arnold (LeihBar), Ela Kagel (SUPERMARKT), Thomas Dönnebrink (OuiShare) und Dr. Ute Scheub (Journalistin & Autorin) Ihre Potenzialanalyse vor. Sie gaben einen kurzen Einblick in die Fragestellung und präsentierten ihre Ergebnisse für Berlin. Wie sich die Sharing Economy in Berlin entwickelt hat, wie viele und welche Akteur*innen es hier gibt und Beispiele aus anderen Städten und Ländern. Die Autor*innen zeigten auf, dass Berlin das Potenzial hat sich zur Sharing City zu entwickeln. Zum Abschluss ihrer Präsentation stellten sie ihre Handlungsempfehlungen vor, die laut der Analyse diese Entwicklung befördern würden beziehungsweise für diese nötig sind.

Neben allgemeinen und aufeinander aufbauenden Handlungsempfehlungen, wie der Steigerung der öffentlichen Sichtbarkeit oder einem differenzierten Verständnis der Sharing Economy sowie darauf basierenden allgemeinen Regelungen, enthält die Potenzialanalyse auch konkrete Handlungsempfehlungen für die Landes-, Bundes- und EU-Ebene. Für die Landesebene gehören hierzu etwa der Hinweis darauf, dass die Zusammenarbeit mit der Sharing Economy eine Querschnittsaufgabe ist und nicht nur das Wirtschaftsressort betrifft und Empfehlungen dazu, wie sich das Bewusstsein oder die Kenntnisse über diese Form des Wirtschaftens erweitern lassen können.

Die verschiedenen Handlungsempfehlungen wurde anschließend in kleineren Gruppen unter Moderation der Autor*innen diskutiert. In den kleineren Runden entwickelte sich eine rege Diskussion, nicht nur über die Handlungsempfehlungen, sondern auch über allgemeinere Fragen, die Sharing Economy betreffend. Also etwa die Frage danach, wie die Studie in einen größeren Kontext einordnen werden könnte, um ihren Einfluss zu erhöhen. Mit Blick auf die Handlungsempfehlungen wurde von Diskussionsteilnehmer*innen angemerkt, dass diese noch konkretisiert, erweitert und eventuell auf einzelne Bereiche heruntergebrochen werden müssten.

Auf dem Podium im Anschluss, auf dem neben Ela Kagel und Dr. Ute Scheub auch Felix Weth (Fairmondo), Dr. Hermann Ott (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie) und Dr. Siegfried Behrendt (Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung – IZT) ihre Expertise einbrachten, wurde nochmals ein Punkt besprochen, der sich bereits durch den ganzen Abend zog und auch zu Beginn schon von Ela Kagel bei der Vorstellung der Analyse gesetzt wurde: Das klar sein müsse über welche Form der Sharing Economy wir sprechen.

Voneinander unterschieden wurden gemeinwohl- und profitorientiertes Sharing. Die Diskussion drehte sich unter anderem um die Frage, ob auch profitorientiertes Sharing positive sozial-ökologische Effekte haben könne und ob diese auch ohne eine starke Regulierung von staatlicher Seite eintreten würden. Dr. Siegfried Behrendt meinte etwa, dass die Sharing Economy voraussetzungsvoll sei und es mit Blick auf das kapitalgetriebene Sharing nicht um Förderung, sondern um Regulierung gehe. Sharing könne auch negative Effekte haben, die eingedämmt werden müssten. Etwa das Zweckentfremdungsverbot, das notwendig geworden sei, um die Auswirkungen von kommerziellen House-Sharing-Angeboten zu beschneiden und damit die negativen sozialen Effekte auf die Mietpreisentwicklung zu begrenzen.

Dr. Hermann Ott sprach davon, dass nicht nur Neues zu implementieren sei, sondern auch Altes ausgeräumt werden müsse. So müsse zwar die rechtliche und steuerliche Benachteiligung von Unternehmungen im Bereich der Sharing (oder umfassender der Solidarischen) Ökonomie beendet werden. Ebenso wichtig sei es aber auch die Bevorzugung etwa von Aktiengesellschaften und anderen ausschließlich profitorientierten Unternehmensformen zu beenden. Felix Weth und auch die anderen Teilnehmer*innen betonten, dass es einen kulturellen und Bewusstseinswandel brauche, um die Sharing & Collaborative Economy wirklich stark zu machen und ihre positiven sozial-ökologischen Effekte zu nutzen.

Auch wenn die Diskussion sich oft um das größere Ganze drehte, kamen wir immer wieder auch auf für Berlin umsetzbare Handlungsempfehlungen zu sprechen. Etwa die Forderung nach einem Freiraum für Akteur*innen der Sharing & Collaborative Economy, wo gearbeitet, beraten und informiert werden kann – sozusagen ein „Haus der Sharing Economy“. Oder der Vorschlag eines Labels für öko-soziales Sharing, welches dann auch in der öffentlichen Beschaffungspraxis Anwendung finden könnte.

Als Fazit des Abends lässt sich festhalten, dass es in Berlin ein großes Potenzial für die Sharing Economy gibt, das sich vor allem aus vielen Akteur*innen und Initiativen speist. Die Sharing Economy zu stärken kann, wenn man es richtig macht, viele positive sozial-ökologischen Effekte für Berlin haben. Eine stärkere Beschäftigung mit diesem Thema auch auf parlamentarischer Ebene tut dringend Not. Die Potenzialanalyse bietet hierzu eigentlich eine gute Grundlage. Sie darf jetzt jedoch nicht einfach in den Schubladen der Senatsverwaltung verschwinden, sondern muss als Auftakt zu einer breiteren und anhaltenden Auseinandersetzung genutzt werden.

Ich danke allen Anwesenden für die spannende Diskussion und den regen Austausch, der bei Brezeln, Wein und Limo auch noch im Anschluss an den offiziellen Teil der Veranstaltung erfolgte und auch weiter geführt werden wird.

Die Autor*innen der Potenzialanalyse:

Andreas Arnold ist Diplom-Wirtschaftsingenieur und Gründer der LeihBar sowie Partner bei der LifeThek GmbH. Andreas ist Mit-Initiator der Berlin Share Fair sowie Mitorganisator des OuiShare Summit und der Sharing City Berlin-Week 2014.

Ela Kagel ist Gründerin und Geschäftsführerin des SUPERMARKT Center für kreative Ressourcen. Sie entwickelt Konzepte, Projekte und Veranstaltungen rund um digitale Transformation und alternative Ökonomie.

Thomas Dönnebrink ist Ouishare Connector Deutschland und freiberuflicher Experte. Er hält Vorträge oder leitet Workshops auf nationalen und internationalen Konferenzen und schreibt und berät Firmen und Institutionen zum Thema Collaborative Economy & Society.

Dr. Ute Scheub ist Journalistin und Autorin für diverse Tageszeitungen und Magazine. Ihr letztes Buch „Glücksökonomie – wer teilt, hat mehr vom Leben“, beschäftigt sich auch mit den Potenzialen der Sharing Economy. Außerdem vor kurzem erschienen sind von Dr. Ute Scheub: „Ackergifte? Nein danke. Impulse für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ und „Macht ohne Kontrolle – die Troika. Eine griechische Tragödie in fünf Akten“, zusammen mit Harald Schumann.

Weiter waren zur Diskussion eingeladen:

Felix Weth ist Gründer und Vorstandsmitglied von Fairmondo, ein offener Online-Marktplatz, der von allen genutzt werden kann. Er soll eine faire Alternative im Online-Handel bieten. Jede Art von Artikeln kann angeboten werden – ob neu oder gebraucht. Fair gehandelte, nachhaltige und qualitativ hochwertige Produkte werden gezielt gefördert. Neben der Möglichkeit Dinge zu verkaufen, besteht auch die Möglichkeit, sie untereinander zu tauschen, zu verleihen oder auch zu verschenken. Als Genossenschaft 2.0 ist Fairmondo vollständig im Eigentum ihrer Nutzer*innen und Mitarbeiter*innen.

Dr. Hermann E. Ott war von 2009 bis 2013 für die Grünen Mitglied der Enquete-Kommission für „Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität“ des Bundestags. Seit 2014 ist er als Senior Advisor für globale Wohlfahrts- und Nachhaltigkeitsstrategien beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig.

Dr. Siegfried Behrendt ist beim Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) Forschungsleiter im Cluster „Technologie und Innovation“ und im Team des Projekts „Peer Sharing“, das untersucht, welchen Einfluss das Peer-to-Peer Sharing – also das Verleihen, Tauschen und Verkaufen von Privat zu Privat – auf Umwelt und Gesellschaft hat.